Funktionale Stimmtherapie (Göttinger Konzept) FST

Die FST hat als Ziel, die Stimmgebung (Phonation)in Zusammenhang mit Funktionen des ganzen Körpers zu setzen und als motorisches Bewegungmuster zu integrieren. 

 

Die Kernidee bei der funktionalen Stimmtherapie ist:

Was muss ich (sein) lassen, um meine stimmlichen Ziele zu erreichen? 

  • Die Stimmproduktion (Phonation) ist eine automatisierte, "unwillkürliche" motorische Leistung.
  • Daher kann ich Bewegungen oder Haltungen nutzen, um die Stimmlippenschwingungen zu optimieren.  Ob eine Bewegung unterstützt, wird mir über die Stimmqualität direkte zurückgemeldet.  
  • Es ist sinnvoll, willkürliche Steuerungsmechanismen und Handlungen beim Sprechen, Singen, Tönen in den Hintergrund treten zu lassen. 
  • Auditive und körperliche Wahrnehmung sind trainierbar. Stimmlichen Bewegungen (Stimmlippenschwingungen) kann zugehört und zugeschaut werden. Diese Erfahrung nutze ich dazu, meine Stimmgebung physiologisch zu nutzen.

Doppelventilfunktion des Kehlkopfes (Prof. E.Kruse)

Hier die Ideen und kurze Zusammenfassung:

  • Der Kehlkopf funktioniert wie ein Doppelventil
  • Die Stimmlippen sind das Einlassventil, die Taschenfalten das Auslassventil. Das gibt die Anatomie vor.
  • Die Form der Stimmlippen sind so, dass sie bei einem Unterdruck im Thorax schließen, d.h. bei der Einatmung angesaugt werden und eine muskuläre Vorspannung haben.
  • Herrscht ein Überdruck im Thorax und Lunge, schließt das Auslassventil, die Taschenfalten und bei sehr viel Überdruck, der Rest des Kehlkopfes auch.
  • Wollen wir nun Stimme geben (Phonieren), sollte das ausschließlich mit den Stimmlippen geschehen, damit reguläre Stimmlippenschwingungen möglich werden, die Kompression der Stimmlippenmuskeln zueinander angemessen und dadurch ein stabiler Stimmlippenschluss vorhanden ist. Dafür brauchen wir eine Einatemtendenz auch während der Phonation.
  • Geben wir mehr Luftdruck als nötig, produzieren also Überdruck im Thorax, aktivieren wir zusätzlich die Taschenfalten. Das ist für Rufen, Schreien, Belting etc.kurzzeitig und mit angemessener Technik in Ordnung, diese Spannung sollte nur wieder aufgelöst werden können.
  • Sonst geben die Stimmlippen ihre Grundspannung auf, der Stimmlippenschluss und die Kompression der Muskulatur zueinander verändern sich, sekundäre Kompensationen entstehen.
  • Heiserkeit und Missempfindungen, stimmliche Beeinträchtigungen entstehen. Es kann zu einer Dysphonie kommen. 

Methode

Basierend auf der Kenntnis über die Kehlkopf- und  Atemfunktion, Muskelketten und ganzkörperliche Funktionszusammenhänge, probieren wir Alltagsbewegungen, unterdruckfördernde Bewegungen und Haltungen aus, sowie Bewegungen, die aus dem Moment entstehen. Während wir uns bewegen oder eine Haltung einnehmen, phonieren (singen, tönen, sprechen) wir Vokale, Vokalketten, Fließlaute, später Wörter und Texte.

Beispiele für eine Stimmtherapie und Training: 

  • Wie muss ich meinen Arm heben (in ein Regal greifen), damit das Sprechen leichter fällt? Kann ich meinen Arm so heben, dass der Klang wie von selbst kommt? Was macht mein Brustkorb, wenn ich den Arm hebe, ist die Brustwirbelsäule involviert und dadurch die Stimmgebung freier?  Schaue ich zum Regal, wenn ich greife und macht es einen Unterschied ob ich mein Sehen integriere?
  • Kann ich meinen Kopf so bewegen, dass der Nacken frei bleibt, so dass mein Kehlkopf und Vokaltrakt offen bleiben und mehr Obertöne hörbar werden, wodurch mehr Resonanz und dadurch Lautstärke entsteht? Trägt meine Halswirbelsäule meinen Kopf?
  • Kann ich Zungen- und Lippenmuskulatur so flexibel bewegen, dass die Vokalbildung  nach vorne artikuliert wird? Wie unterstützt dann meine Aufrichtung im Becken die Stabilität, so dass mein Unterkiefer keine Haltefunktion übernehmen muss?
  • Sobald die  erarbeitete Körperhaltung und -bewegung gemeinsam mit einer guten Stimmlippenschwingung gelingt, wird über eine lange Zeit phoniert. So werden alle Stimmmuskeln trainiert, ähnlich einem Ausdauertraining. Muskulatur wird aufgebaut und Spannungen eutonisiert.