Die Zungenruhelage

Sind wir in Ruhe, beim Zuhören, Schweigen und schlucken gerade nichts, ist die Zunge in einer Ruhespannung. " Die Zungenruhelage bezeichnet die Haltung und Positionierung der Zunge im Moment der Ruhe" (Dr.Berndsen, Faceformer). Die Zungenposition ist nicht statisch. Eine eutone Zungenmuskulatur passt sich mit ihrer Spannung stets den unterschiedlichen Gegebenheiten an. 

  • Anhaltspunkt: Das vordere Drittel der Zungenspitze liegt an der Papilla incisiva, ein kleiner Wulst hinter den oberen Schneidezähnen. Die Zunge berührt die vorderen Zähne nicht. Die Zungenränder liegen im vorderen Teil an den Backenzähnen. 
  • Die Zungenruhelage in ihren unterschiedlichen Variationen ist eine formgebende Zungenspannung für den Mundraum. 
  • Im Mund und Rachen herrscht ein Unterdruck.
  • Die Lippen sind geschlossen, Nasenatmung stellt sich ein.

 

Wofür ist eine korrekte Zungenruhelage notwendig?

  • Die Zunge hält durch die Zungenruhelage den Unterkiefer in der Schwebe, ohne dass sich die Lippen öffnen. Dadurch können sich die Kiefermuskeln entspannen.
  • Da sich der Oberkiefer quasi auf der Zunge ablegt, entsteht ein aufgerichteter Nacken und eine ausgerichtete Halswirbelsäule, der Kopf ist gegen die Schwerkraft ausbalanciert.
  • Dadurch können sich die Schultern entspannen und der Nacken übernimmt die Stützfunktion. 
  • Durch die korrekte Kieferposition, ist das Kauen ausdauernd und flexibel möglich.
  • Beim Schlucken ist die Zungenruhelage die Ausgangsposition, von der aus Speichel, Speise und Flüssigkeiten mit Schwung nach hinten transportiert wird.
  • Durch den Druck der Zunge nach oben und hinten, wird der harte Gaumen geformt.
  • Ein gut geformter Gaumen erzeugt ausreichend Platz in den Nasenräumen für eine Nasenatmung in Ruhe.
  • Die Zunge ist am Zungenbein,  Kinn (Unterkiefer), Schädelbasis und Nacken aufgehängt. Sind diese "Seile" wie bei einer Brücke in allen Richtungen gleichermaßen gespannt, ist das System stabil und gleichzeitig in alle Richtungen flexibel.

Unphysiologische Zungenruhelage

Es gibt verschiedene Variationen einer falschen Zungenruhelage:

  • Die Zunge befindet sich zwischen den Front- oder Seitenzähnen
  • Die Zunge drückt gegen die Frontzähne
  • Die Zunge liegt im Unterkiefer
  • Die Zunge liegt auf der Unterlippe

Auswirkungen auf Haltung und Bewegung:

  • Der Mund ist offen, es ergibt sich eine Mundatmung.
  • Das Zungenbändchen kann verkürzen
  • Die Nackenstabilität bricht ein, der Unterkiefer rutscht nach hinten oder vorne
  • Der harte Gaumen formt sich steil, dadurch werden die Nasenräume enger und die Nasenatmung erschwert.
  • Die eustachische Röhre hat nicht mehr den Richtigen Winkel, um Ohrensekret abfließen zu lassen, es entstehen Stauungen im Ohr
  • Beim Schlucken kann die Zunge nicht stabilisieren und rutscht nach vorne. Die Zähne und Kieferknochen verformen sich.
  • u.v.m.

Entwicklung der physiologischen Zungenruhelage

Neugeborenen bis zum 6. Lebensmonat:

  • Die Zunge füllt den gesamten, kleinen Mundraum aus und berührt gleichzeitig Gaumen und Mundboden
  • Diese Relationen sind wichtig für die Nahrungsaufnahme zunächst beim Saugen von Flüssigkeit
  • Der intraorale Druck beim Saugen wird mit Zunge, Lippen und Wangenpolster aufgebaut
  • Der Unterkiefer macht eine automatisierte Auf/Ab Bewegung

Motorische Entwicklung:

  • Der Säugling liegt vorwiegend auf dem Rücken, er strampelt mit Armen und Beinen, er kippt zur Seite und zurück, die Bauchmuskulatur wird stabilisiert. Der Kopf trägt sich noch nicht von alleine, die Rückenstrecker sind nicht sehr gefordert.

 

 Mit einem halben Jahr:

  • Erst mit einem halben Jahr vergrößert sich der Mundinnenraum.
  • Die ersten Milchzähne brechen im Unterkiefer durch, wodurch der Lippen- Zungenkontakt getrennt wird. Nun bilden die Lippen den Mundschluss.
  • Es kann nicht mehr gleichzeitig gesaugt und geatmet werden.
  • Der Mundinnendruck wird beim Saugen und beginnend bei breiiger Kost gemeinsam mit Lippen und Zunge erhöht.

Motorische Entwicklung:

 

  • "In dieser Entwicklungsphase wird gerollt, auf dem Bauch liegend der Kopf hochgestützt, dadurch die Arme trainiert, alle Teile des M.trapezius  werden benötigt, um die Rückenstreckung und Kopfkontrolle zu ermöglichen. Der obere Anteil ist  dabei verkürzt, um Kopfbewegungen und damit Sehen im Raum zu ermöglichen. (vgl.S.Rosenberg.)“

 

Mit einem Jahr

  • Etwa mit einem Jahr brechen immer mehr Zähnen durch und erste Kauanreize führen zur Stabilisierung des Unterkiefers.
  • Der Durchbruch verursacht Schmerzen und andere starke Reize, dadurch wird der Mundinnenraum stärker wahrgenommen und im Gehirn repräsentiert.
  • Kauen wird als Erleichterung empfunden und verstärkt eingesetzt. Es entwickelt sich die Stereognose (Fähigkeit, Objekte im Mund wahrzunehmen und zu unterscheiden) . 
  • Das Wachstum des Ober-und Unterkiefers und die Ausformung des Gaumens vergrößern den Mundinnenraum.
  • Die Zunge fängt an, sich freier im Mund bewegen zu können. Sie bewegt sich beim Kauen zu den Nahrungsstückchen hin.
  • Über die Nahrungsaufnahme und die Zerkleinerung beginnt die Entwicklung einer Empfindung für den Mittelpunkt im Mund  (Morris und Klein, 1995). 

Motorische Entwicklung:

  • Neben Robben und Krabbeln werden Kniestand und Hochziehen zum Stand erprobt.  Die Bauch- und Rückenmuskeln werden gleichermaßen belastet, es entwickeln sich Bewegungs- und Stützfunktionen. 

 

Zwischen eineinhalb und drei Jahren 

  • „Das Bewusstsein für den Mund hilft dem Kind, dort den Mittelpunkt zu finden, nämlich den Ruhepunkt für die Zunge“ ( Morris und Klein, 1995vgl., S.20)
  • Die Zunge bewegt die Nahrung im Mund hin und her und auf und ab. Alle Bewegungsrichtungen sind jetzt möglich: seitlich, auf/ab, diagonal, was den Faserstrukturen der Zungenmuskulatur entspricht.
  • Dabei lernt es, die Zungenspitze aktiv anzuheben.
  • Allmählich stabilisiert sich die Zunge unabhängig am Gaumen, wobei sich in diesem Entwicklungsschritt der Unterkiefer durch die korrekte Zungenruhelage gleichzeitig stabilisiert und flexibilisiert.
  • Durch die korrekte Zungenruhelage und Lippenschluss, kommen Kieferschließer und Kieferöffner ins Gleichgewicht. Die Schwebestellung des Unterkiefers entsteht.
  • Beim Schlucken schließen nun die Backenzähne.

Motorische Entwicklung:

  • „Parallel entwickelt sich das Aufrichten in den Stand und Gehen. In dieser Zeit streckt sich der obere Anteil des M.Trapezius, die subokzipitale Muskulatur und Halswirbelsäule stabilisieren und balancieren den Kopf beim Sitzen, Stehen und Gehen. (vgl.S.Rosenberg)“. 
  • „Die Grobmotorik ist nun so weit entwickelt, dass eine posturale Kontrolle entwickelt wurde. Nun kann sich die motorische Kontrolle, also die Feinmotorik ausbilden (vgl. R.Horst NAP )“.

 

Ab dem 20. bis 31. Lebensmonat

  • Der zweite untere Backenzahn bricht durch, als letztes erscheint der zweite obere ungefähr im Alter von 2-2,5 Jahren.
  • Das Kind beginnt die physiologische Zungenruhelage zu entwickeln* und kann dann ab ca. dem 3. Lebensjahr die Zungenfunktion auf die richtige Schluckweise umstellen. 

* Verschiedene Studien zeigen, dass der Entwicklungsprozess hin zu einer physiologischen Zungenruhelage bis zum 12. Lebensjahr dauern kann.